Medizinische Leitlinien: Wissen ist nicht alles



Egal ob wir unser Smartphone zur Hand nehmen oder uns am PC einloggen, sofort werden wir mit einer Fülle von Informationen konfrontiert, von der neuesten weltpolitischen Entwicklung über aktuelle Wetterkapriolen am anderen Ende der Welt oder dem jüngsten Instagram Post eines «Celebrities» – deren Namen ich meist nicht einmal kenne. Wir leben im Überfluss, insbesondere auch was die Informationen anbelangt, die täglich auf uns einstürmen. Als Ärztinnen und Ärzte gilt dies nicht nur für unseren Privatbereich sondern gerade auch für unser fachliches Wissen. Kein Tag ohne Flyer, Email oder kostenlose «Fachzeitschrift», in denen, neben Hochglanzanzeigen der Pharmaindustrie, die neueste medizinische Erkenntnis zu einem Präparat kundgetan wird, natürlich fein säuberlich mit einem wissenschaftlichen Paper referenziert. Nur, so frage ich mich, wer geht dem nach und sucht in Medline die Originalarbeiten? Wer ist in der Lage, das gerade angepriesene Medikament im Hinblick auf seinen Nutzen oder Mehrwert wirklich zu beurteilen? Allein im ersten Halbjahr 2023 sind in
Medline 47.232 neue Arbeiten zum Thema «internal medicine» dazu(!)gekommen. Dabei umfasst das Wissens­gebiet der Hausärztin, respektive des Hausarztes bei weitem nicht nur die Innere Medizin. Allein die schieren Zahlen machen schon deutlich: die Fülle an medizinischem Wissen muss komprimiert werden, um noch bewältigbar zu bleiben. Diese Funktion erfüllen Leitlinien oder Guidelines. Sie fassen aber nicht nur zusammen, sie bewerten die einzelnen Studien auch hinsichtlich ihrer methodischen Qualität und damit hinsichtlich ihrer Bedeutung für die ärztliche Praxis. So relativiert sich mancher Mehrwert einer neuen Substanz oder Diagnostik bei kritischer Betrachtung.

Medizinische Evidenz ist aber nicht wie physikalische Gesetzmässigkeit, sie muss immer auch im Kontext des jeweiligen Gesundheitssystems betrachtet werden. In der Schweiz verfügen die Hausarztpraxen beispielsweise über ein Praxislabor, in Ländern wie Deutschland oder den Niederlanden ist dies nicht der Fall. Somit müssen – insbesondere im diagnostischen Bereich – Anpassungen an die lokalen Gegebenheiten erfolgen.

Leitlinien sind hier heute als Orientierungskorridor nicht mehr wegzudenken, umso wichtiger ist es, dass sie wirklich nur der Evidenz verpflichtet sind. Dabei können ungewollte Einflüsse nicht nur seitens der Industrie erfolgen, auch eine – grundsätzlich wünschenswerte Orientierung an den Kosten – darf den Blick auf das objektiv Gebotene nicht verstellen. Daher ist es Aufgabe unabhängiger Institutionen, diese Leitlinien zu erarbeiten, wie im Artikel von Rosemann et al. (Referenz 1 aus der aktuellen Praxis). dargelegt wird.
Bei aller Orientierung, die qualitativ hochwertige Leitlinien heute bieten können, ist es aber auch wichtig, sich vor Augen zu halten, dass die sogenannte «externe Evidenz» nur ein Element im Gesamtkonzept der evidenzbasierten Medizin von Sacket et al. ist (2,3). Die individuelle klinische Erfahrung der Ärztin oder des Arztes, aber auch Patientenbedürfnisse und -wünsche sind ein ebenso wichtiges Element und legitimieren ein Anpassen oder Abweichen von den Leitlinien. Leitlinien sind somit nicht nur für uns als Behandler wichtig, sie befähigen auch den Dialog auf Augenhöhe mit informierten Patientinnen und Patienten und ermöglichen erst ein wirkliches shared decision making.
Wissen ist nicht alles, aber ohne Wissen ist alles nichts.

Prof. Dr. Dr. med.Thomas Rosemann

Institut für Hausarztmedizin
Universitätsspital Zürich
Pestalozzistrasse 24
8091 Zürich

thomas.rosemann@usz.ch

1. Warum die Schweiz evidenzbasierte Leitlinien für ihre Hausarztmedizin braucht. Rosemann A. et al. (Praxis)
2. Evidence-based medicine. Sackett D. Lancet. 1995 Oct 28; 346(8983):1171.
3. Evidence based medicine: what it is and what it isn‘t.Sackett DL,
Rosenberg WM, Gray JA, Haynes RB, Richardson WS. BMJ.
1996 Jan 13;312(7023):71-2.