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Alzheimer-Risiko bei Chauffeuren von Taxi- und ­Rettungswagen: Eine bevölkerungsbasierte Querschnittsstudie zur Mortalität

Eine aktuelle Studie in der BMJ (1) legt nahe, dass bestimmte Berufe das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, verringern könnten: Insbesondere Taxi- und Krankenwagenfahrer, die regelmässig navigieren und ihre räumliche Orientierung beanspruchen, verzeichnen demnach den niedrigsten Anteil an Alzheimer-bedingten Todesfällen. Dies könnte darauf hindeuten, dass diese Berufe das räumliche Gedächtnis im Hippocampus stärken und somit einer allfälligen kognitiven Funktionseinschränkung entgegenwirken.

Bereits eine frühere Londoner Studie unter Taxifahrern stützte diese Hypothese, indem sie das umfassende Navigationswissen der Taxifahrer als besonders förderlich für die kognitive Gesundheit identifizierte.

Die aktuelle BMJ-Studie liefert nun robuste empirische Daten, die auf fast neun Millionen Todesfällen in den USA zwischen 2020 und 2022 basieren. Sie vergleicht berufliche Zugehörigkeit mit den jeweiligen Todesursachen und zeigt dabei signifikante Unterschiede: Während 3.88 % der Todesfälle in der Allgemeinbevölkerung Alzheimer zugeschrieben wurden, betrug dieser Anteil bei Taxi- und Krankenwagenfahrern nur 1.03 % bzw. 0.74 %. Dieser Unterschied blieb auch nach Berücksichtigung von Faktoren wie Alter und Herkunft signifikant und verstärkte sich sogar. Im Vergleich dazu wiesen Berufe mit festen Routen, wie Busfahrer oder Piloten, ein höheres Risiko für eine Dementielle Erkrankung vom Alzheimer Typ auf.

Das Studiendesign lässt allerdings keinen Rückschluss auf einen Kausalzusammenhang zu, es könnte somit auch sein, dass Menschen mit einem ausgesprochenen guten Orientierungssinn eher zu den genannten Berufen tendieren.

Dr. med. Roland Backhaus

Quelle: R Patel V, Liu M, Worsham C M, Jena A B. Alzheimer’s disease mortality among taxi and ambulance drivers: population based cross sectional study BMJ 2024; 387: e082194 doi:10.1136/bmj-2024-082194

Moderater Weinkonsum und kardiovaskuläres Risiko – Alkohol und Mortalität

Im Volksmund heisst es, ein tägliches Glas Wein zum Essen sei gesund. Mässiger Weinkonsum wurde mit einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD) in älteren Bevölkerungsgruppen in Verbindung gebracht. Trotz jahrzehntelanger Forschung wird das Thema kontrovers diskutiert. Einen Beitrag dazu liefert diese Studie, welche sich nicht nur auf die wenig verlässlichen Selbstangaben von Probanden abstützt, sondern einen objektiven Biomarker für den Weinkonsum verwendet: die Messung der Weinsäure im Urin mittels Flüssigkeitschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie. Im Rahmen der PREDIMED-Studie wurde eine verschachtelte Fallkohortenstudie mit 1232 Teilnehmern konzipiert: 685 Fälle von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eine zufällige Subkohorte von 625 Teilnehmern (einschliesslich 78 überlappender Fälle), und die Auswertung erfolgte anhand fünf Kategorien der Weinsäureausscheidung im Urin. Die Weinsäure korrelierte zu Studienbeginn mit dem selbstberichteten Weinkonsum (r = 0,46). Konzentrationen von 3–12 und 12–35 μg/ml, die ~3–12 und 12–35 Gläser Wein/Monat entsprechen, waren mit einem geringeren CVD-Risiko verbunden (HR 0.62, p = 0.050 und HR 0.50, p = 0.035).

In dieser Studie war der protektive Effekt von geringem Weinkonsum für kardiovaskuläre Ereignisse viel stärker als in früheren Studien. Eine Risikoreduktion um 50 % (bei 12–35 Gläser Wein/Monat) oder 38 % (bei 3–12 Gläser Wein/Monat) ist höher, als sie beispielsweise mit Medikamenten wie Statinen erreicht wird. Eine Begründung dafür, abgesehen von der neuen Messmethode mit Urinproben, könnte die Auswahl der Studienteilnehmenden sein: eine betagte, mediterrane Population (mit entsprechenden mediterranen Ernährungsgewohnheiten) mit hohem kardiovaskulärem Risiko, was die Wirkung verstärkt haben mag und weshalb die Daten nicht einfach für andere Populationen übernommen werden können.

Aus meiner Sicht sollen diese Daten nicht zum Alkoholkonsum verleiten, welcher nach wie vor, wenn auch sozial akzeptiert («Kavaliersdelikt»), das grösste Suchtproblem unserer Bevölkerung darstellt, obschon in den Medien öfter über Cannabis etc. berichtet wird. Unsere Lebensqualität und Lebenserwartung wird nicht nur durch kardiovaskuläre Ereignisse beeinträchtigt. Die Daten bezüglich Alkohol und Krebsrisiko haben in den letzten Jahren eine bedeutende Stärkung und Ausweitung (über Oesophagus-Magen-Darm-Karzinome hinaus) erfahren, so dass verschiedene Risiken gegeneinander abgewogen werden müssen.

Eine prospektive Kohortenstudie der UK Biobank untersuchte aktuelle Trinker im Alter > 60 Jahren: 135 103 Teilnehmer (Alter 64 Jahre; 50.1 % Frauen). Das Trinken im Vergleich zu gelegentlichem Trinken (≤ 2.86 g Alkohol/d) war bei hohem Alkoholkonsum (Männer: > 40.00 g/d; Frauen: > 20.00 g/d) mit einer höheren Gesamtmortalität (HR 1.33), Krebs (HR 1,39) und kardiovaskulärer Mortalität (HR 1.21) verbunden; mässiger Alkoholkonsum (Männer: > 20.00–40.00 g/d; Frauen: > 10.00–20.00 g/d) war mit einer höheren Gesamt- (HR 1.10) und Krebsmortalität (HR 1.15) verbunden, und geringer Alkoholkonsum (Männer: > 2.86–20.00 g/d; Frauen: > 2.86–10.00 g/d) war mit einer höheren Krebsmortalität (HR 1.11) verbunden.

Ärzte haben früher sehr genau beobachtet und bei niedrigem Alkoholkonsum weniger Herzinfarkte gesehen, was der Volksmund aufgenommen hat. Auch mit den beiden zitierten Studien ist die Diskussion noch nicht zu Ende. Dennoch darf mit heutigem Wissen der selbst geringe Alkoholkonsum aus medizinischer Sicht nicht generell empfohlen werden.

KD Dr. med. Marcel Weber

Quelle: Domínguez-López I. et al. Urinary tartaric acid as a biomarker of wine consumption and cardiovascular risk: the PREDIMED trial. Eur Heart J 2024 Dec 18:ehae804. doi: 10.1093/eurheartj/ehae804. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39689849/
Ortolá R. et al. Alcohol Consumption Patterns and Mortality Among Older Adults With Health-Related or Socioeconomic Risk Factors. JAMA Netw Open 2024;7(8):e2424495. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2024.24495. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39133491/

Salzsubstitution und wiederkehrender Schlaganfall und Tod – Eine randomisierte klinische Studie

Die direkten Auswirkungen des ­Konsums von Salzersatzstoffen auf die Häufigkeit von Schlaganfallrezidiven und die Sterblichkeit von Schlaganfallpatienten sind nach wie vor unklar.

Eine kürzlich veröffentlichte Arbeit hatte zum Ziel, die Auswirkungen von Salzersatzstoffen im Vergleich zu Kochsalz auf die Häufigkeit von Schlaganfallrezidiven und die Mortalität bei Schlaganfall­patienten zu untersuchen.

Studiendesign, Setting und Teilnehmer
Die Salt Substitute and Stroke Study (SSaSS), eine offene, cluster-randomisierte klinische Studie, wurde in 600 Dörfern (Clustern) in Nordchina durchgeführt. Patienten, die selbst angaben, dass bei ihnen im Krankenhaus ein Schlaganfall diagnostiziert worden war, wurden in diese vordefinierte Subgruppenanalyse eingeschlossen. Die Daten wurden zwischen November 2023 und August 2024 ausgewertet. Hauptergebnisse: Der primäre Endpunkt war das erneute Auftreten eines Schlaganfalls.

Interventionen
Die Teilnehmer erhielten entweder einen Salzersatz, der zu 75 % aus Natriumchlorid und zu 25 % aus Kaliumchlorid bestand, oder Kochsalz.

Ergebnisse
Nach Ausschluss von 5746 Personen ohne Schlaganfall in der Anamnese wurden 15 249 Patienten mit Schlaganfall eingeschlossen (mittleres [SD] Alter 64.1 [8,8] Jahre; 6999 [45.9 %] Frauen; 8250 Männer [54.1 %]). Bei einer medianen (IQR) Nachbeobachtungszeit von 61.2 (60.9–61.6) Monaten betrug die mittlere Differenz im systolischen Blutdruck –2.05 mm Hg (95 % CI, –3.03 bis –1.08 mm Hg). Insgesamt wurden 2735 rezidivierende Schlaganfälle (691 tödlich und 2044 nicht tödlich) und 3242 Todesfälle registriert. Die Anzahl rezidivierender Schlaganfälle war in der Kochsalz-Substitutionsgruppe signifikant niedriger als in der Gruppe mit normalem Salz (Rate Ratio [RR], 0.86; 95 % CI, 0.77–0.95; P = 0.005), wobei der Effekt auf hämorrhagische Schlaganfälle grösser war (relative Reduktion, 30 %; P = 0.002). Die Mortalitätsraten waren ebenfalls signifikant niedriger (RR, 0.88; 95 % CI, 0.82–0.96; P = .003), mit grösseren Effekten auf Todesfälle im Zusammenhang mit Schlaganfällen (relative Reduktion, 21 %; P = .01). Für Hyperkaliämie wurde kein signifikanter Unterschied festgestellt (RR, 1.01; 95 % CI, 0.74–1.38; P = .96).

Schlussfolgerungen und Relevanz
Die Ergebnisse dieser Cluster-Studie zeigen, dass die Salzsubstitution sicher ist und das Risiko eines erneuten Schlaganfalls und Todesfälle reduziert.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

Quelle: Ding X et al. Salt Substitution and Recurrent Stroke and Death. A Randomized Clinical Trial. JAMA Cardiol. Published online February 5, 2025. doi:10.1001/jamacardio.2024.5417

der informierte @rzt

  • Vol. 15
  • Ausgabe 3
  • März 2025