Editorial

Revival der menopausalen Hormontherapie



Es sind nun bald 22 Jahre her, seit die ersten Resultate der Women’s Health Initiative-Studie (WHI) wie eine Bombe einschlugen. Bis zu diesem Zeitpunkt galt es beinahe als ärztlicher Fehler, eine Frau über 50 ohne Rezept für eine menopausale Hormontherapie (MHT) aus der Sprechstunde zu entlassen.

Zu gross schienen die Vorteile dieser Medikation. Es gab sogar gewichtige Stimmen, die forderten, dass die MHT rezeptfrei ohne ärztliche Kontrolle in Supermärkten und an Tankstellen abgegeben werden sollte. Umso entsetzter waren dann die betroffenen Frauen, die Öffentlichkeit und auch viele Fachpersonen, dass diese während Jahren so hochgelobte, vermeintlich nebenwirkungsfreie Hormontherapie ein normales Medikament sein sollte, das nicht nur die vielen bekannten Vorteile, wie u.a. die unübertreffliche Wirkung auf die menopausalen Hitzewallungen oder die Knochen, sondern eben auch Nebenwirkungen und Komplikationen aufwies. Besonders erschüttert hat begreiflicherweise viele Frauen die Nachricht, dass die MHT zu einem Anstieg des Mammakarzinomrisikos führe. Verstärkt durch die Orchestrierung der Medien hat die MHT – nach einem fulminanten Anstieg von Reputation und Verkäufen gegen Ende des letzten Jahrhunderts – in der Enttäuschung über die WHI-Resultate zu einem ebenso massiven Absturz von Ruf und Verschreibungen geführt. Die MHT wurde quasi in den Giftschrank gestellt.

Heute wissen wir, dass das Mammakarzinomrisiko nur bei Frauen mit kombinierter MHT leicht ansteigt (1 auf 1000 Frauenjahre) und das auch nur, wenn die MHT länger als 5 Jahre angewendet wird. Je länger, umso mehr wird aber auch dieser geringfügige Anstieg in Frage gestellt. Dass die WHI bei der Monotherapie mit Östrogenen einen Abfall des Mammakarzinomrisikos um 23 Prozent und des Sterberisikos gar um 40 Prozent zeigte, wurde weitgehend unter den Tisch gewischt, ganz nach dem journalistischen Motto «good news is no news».

Unter dem Eindruck dieser über viele Jahre überinterpretierten Risiken und den mehr oder weniger verschwiegenen «good news» blieb die MHT fast einer Generation von Frauen vorenthalten. Nicht dass ich falsch verstanden werde: Ich rede nicht der Rückkehr des Sugus-Zeitalters das Wort. Nein, die MHT ist kein Sugus-Zeltli! Sie ist aber auch nicht des Teufels. Die MHT ist ein Medikament wie viele andere auch. Sie hat ihre erwünschten, aber auch ihre unerwünschten Wirkungen. Erfreulicherweise kommen in nächster Zeit alternative, neue Pro­dukte auf den Markt, die z.B. östrogenmangelbedingte Hitze­wallungen erfolgreich behandeln können. Aber auch hier handelt es sich nicht um komplikationsfreie Produkte, sondern ebenfalls um Medikamente mit ihren ganz eigenen Wirkungs- und Nebenwirkungsprofilen. Es ist ein Fortschritt, dass wir Ärztinnen und Ärzte in unserem Werkzeugkasten nun eine zunehmende Auswahl von Medikamenten finden, die die menopausalen Beschwerden ganz auf die Bedürfnisse der einzelnen Patientin zugeschnitten zu lindern vermögen. Sie alle, auch die klassische MHT (!), können – unter Berücksichtigung von Kontraindikationen und Interaktionen – verantwortungsvoll, mit gutem Gewissen und zum Wohle unserer Patientinnen verschrieben werden.

Bemerkung: Dieses Editorial wurde ohne Unterstützung durch AI verfasst.

Prof. Dr. med. Bruno Imthurn

Prof. em. Dr. med. Bruno Imthurn

Senior Consultant Kinderwunschzentrum
360° Zürich

bruno.imthurn@uzh.ch

info@gynäkologie

  • Vol. 14
  • Ausgabe 1
  • Februar 2024