Editorial

Was ist mit den Millenials in der Medizin?



Vielleicht wird das Jahr 2023 zum Wendepunkt: ­«Assistenzärzte haben genug von der 50 Stunden Woche», der VSAO Zürich kündigt den Gesamtarbeitsvertrag mit dem Kanton auf Ende 2023.

Ein paar Wochen zuvor waren die Ergebnisse einer Umfrage der NZZ bei über 4500 Assistenzärzten veröffentlicht worden unter dem Titel: «Assistenzärzte arbeiten 11 Stunden pro Tag und verdienen weniger als im Studentenjob» (1). Am längsten sind die Arbeitstage der Chirurgen, aber auch Gynäkologinnen und Internisten arbeiten enorm viel. 53% gaben an, nicht die ihnen zustehende 4 Stunden wöchentliche Weiterbildung angeboten zu bekommen. Mehr als die Hälfte konnte das Angebot aus zeitlichen Gründen nicht annehmen. Frustrierend dabei ist nicht die lange Arbeitszeit, die kennen wir schon, sondern das Verhältnis zwischen dem, was wirklich ärztliche Aufgabe ist und dem, was andere nicht ärztliche Berufsgruppen übernehmen könnten. Der Anteil an Bürokratie, Telefonieren, Abrechnungen und Berichte schreiben liegt bei 70%, der Anteil Patientenkontakt bei 30%. Damit belegt die Schweiz einen internationalen Spitzenplatz gemäss dem Bericht OBSAN 2019 (2). Der Vorwurf einer mangelnden Digitalisierung, veralteter Computersysteme und einer fehlenden Kompatibilität der bestehenden Systeme in der Schweiz kommt von der Generation, die als digital affin sowie technisch versiert, global vernetzt und kommunikativ gilt. Also die Personen, die digitalen Innovationen im Gesundheitssystem gegenüber aufgeschlossen und lösungsorientiert sind. Das mag in anderen Ländern sicher noch weit ausgeprägter sein, aber es besteht auch bei uns Luft nach oben. Besonders tragisch finde ich die fehlende Zeit für Weiterbildung, zumal sich das Wissen in der Medizin rasch ändert und neue Untersuchungen und Diagnosen dazugekommen sind. Ich verweise in diesem Zusammenhang nur beispielhaft auf den Artikel zu den Placentationsstörungen in dieser Ausgabe. Die Milleniumsgeneration gilt auch als kritischer und ungeduldiger; Eigenschaften, die dazu beitragen könnten, die anstehenden Probleme transparent zu machen, und zumindest teilweise zu lösen. Für die Weiterbildung werden wir uns weiterhin bei «info@gynäkologie» einsetzen, auch wenn wir noch mehrheitlich zu der Generation der Baby Boomer gehören.

Prof. Dr. med. Irene Hösli

Prof. Dr. med. Irène Hösli

Basel

1. https://www.nzz.ch/zuerich/umfrage-mit-assistenzaerzten-burnouts-und-buerokratie-im-spital-ld.1722170
2. Pahud O. Obsan Bericht 2019; Ärztinnen und Ärzte in der Grundversorgung – Situation in der Schweiz und im internationalen Vergleich. Analyse des International Health Policy (IHP). Survey 2019 der amerikanischen Stiftung Commonwealth Fund im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG)

info@gynäkologie

  • Vol. 13
  • Ausgabe 2
  • April 2023