Editorial

Wie sieht es mit Ihrer Work-Life-Balance aus?



Was haben ein Hotelier oder Gastronom und eine Gynäkologin und ein Geburtshelfer gemeinsam? Ihre Arbeitszeiten liegen meistens ausserhalb der üblichen Norm, sowohl was die Tageszeiten als auch die Arbeitszeit am Stück anbelangt. Ich war vor kurzem zu einer Diskussionsrunde von der Mahle-Stiftung in Stuttgart eingeladen und es ging um die Work- Life-Balance: individuell die eigene und allgemein gesellschaftlich. Es gab mir die Möglichkeit, meine Familie zu fragen, wie sie meine Work-Life-Balance erlebt haben und wie sie sich ihre vorstellen. Wie bei so vielen meiner Kollegen und Kolleginnen hatte ich eher eine Dysbalance. Die Kinder meinten zwar, ich hätte es, dank Hilfe meines Mannes, ganz gut hingekriegt, aber ihre Generation möchte nicht mehr so arbeiten.

Es ist ein Privileg, wenn man den Beruf ergreifen kann, den man sich wünscht und der einen erfüllt. Schwierig wird es, wenn die tägliche Arbeit stark von dem Bild abweicht, das man sich zum Beispiel während des Studiums gemacht hat. Ich nenne hier nur das Schlagwort: «Früher habt Ihr Patientinnen betreut, jetzt bearbeiten wir Akten.»

Der Fachkräftemangel wird durch solche Feststellungen auch nicht geringer. Der Gastronom berichtete von einem Vorstellungsgespräch für eine Ausbildung zum Koch, bei dem der Auszubildende am Ende sagte, er überlege sich noch, ob die Anstellung mit seiner Work-Life-Balance zusammenpasse.

Wenn man seinen Beruf liebt, sei es als Hotelier oder Gynäkologe, dann ist Work auch ein Teil von Life. Zusätzlichen Ausgleich bringen Bewegung, Sport, Entspannung. Das haben wir beide auch gemeinsam genannt und das sagen wir als Ärzt-innen und Ärzte ja auch unseren Patientinnen.
Es ist gut und richtig, dass Freizeit wichtig ist, damit wir uns erholen können, Beziehungen mit Freunden pflegen und den Blick auf anderes als die Arbeit richten können. Überrascht hat mich, dass Freizeit aber auch zum Stress werden kann, wenn die Zeit komplett verplant ist und möglichst viel darin Platz haben soll.

Wie auch immer, ich schlage Ihnen vor, die oben gestellte Frage im eigenen Rahmen zu diskutieren.

Prof. Dr. med. Irene Hösli

Prof. Dr. med. Irène Hösli

Basel

info@gynäkologie

  • Vol. 14
  • Ausgabe 2
  • April 2024