Editorial

Verbesserung der kardiovaskulären Prävention durch ein systematisches Screening



Die Herzkreislauferkrankungen sind 2023 global und in der Schweiz die wichtigsten Morbiditäts- und Mortalitätsursachen. Leider wird diese Tatsache von der Bevölkerung und der Politik zu wenig wahrgenommen. Aus diesen Gründen stellt sich die berechtigte Frage, wann und bei welchen Personen ist ein kardiovaskuläres (cv) Screening sinnvoll? Eine Antwort geben die aktualisierte ESC-Guideline 2023 «Diabetes u. Herz», die ESC-Präventions-Guidelines 2021 und die diesjährige Empfehlung der AGLA «Prävention der Atherosklerose».

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie plädierte an ihrer Jahrestagung 2022 für einen Herzcheck ab 50 Jahren und hat zur Verbesserung der kardialen Gesundheit eine nationale Herz-Allianz gegründet. Politisch wird diese Massnahme durch den Gesundheitsminister unterstützt (1,2). Cv-Screening-Massnahmen sind deutlich effektiver als das Krebsscreening auf ein Brust- oder Darmkarzinom, dessen Sinnhaftigkeit niemand anzweifelt. Eine Überprüfung auf Fettstoffwechselstörungen und auf eine Hypertonie ist zehnmal so effektiv in der Verhinderung von Todesfällen wie eine Überprüfung auf Hepatitis oder Kolonkarzinome (1).

Vorsorgeuntersuchungen und Früherkennungsprogramme können uns nicht nur helfen, Patienten vor schweren Folgen ihrer Erkrankungen zu schützen, indem wir sie frühzeitig behandeln, sondern auch Heilungschancen verbessern. Die meisten bedürfen einer lebenslangen Therapie. Der plötzliche Herztod und der unerwartete Myokardinfarkt muss bekämpft werden; ereignen sich doch 25 Prozent der Herzkreislauftodesfälle vor dem 65-ten Lebensjahr.
Bei einem Diabetes mellitus Typ 2 (T2DM) hat das cv und renale Screening nach der neuen ESC-Guideline eine Klasse IA-Indikation. So stellt sich immer die Frage nach einer atherosklerotischen Erkrankung und einer Herzinsuffizienz (HI). Durch eine gute Anamnese mit Einordnung von Symptomen ergeben sich klare Erkennungsmerkmale. Es bedarf auch einem routinemässigen Screening auf eine chronische Niereninsuffizienz (CKD) (3). Diese wird mit einer eGFR (EPI) und einem morgendlichen Spontanurin mit Frage nach Mikro-/Albuminurie (UACR) nachgewiesen. Je schlechter die eGFR <60ml/min/1.73m2 und je ausgeprägter die Albuminurie ≥30mg/g desto schwerer die CKD und desto höher das cv Risiko. Umgekehrt sollte bei einer cv Erkrankung auch ein T2DM mit einem Nüchtern-Blutzucker und einem HbA1c ausgeschlossen werden. Bei einem akuten Koronarsyndrom findet man in bis zu 37%, bei einer HI in bis zu 47% einen T2DM (3,4).

Daher sollte bei einem Arztkontakt nach den klassischen cv Risikofaktoren, nach Anamnese und Symptomen für eine Atherosklerose resp. für eine HI, weiteren cv Erkrankungen wie z.B. ein VHFLi gefragt und allenfalls gesucht werden; sind doch die entsprechenden Risiken, insbesondere für eine HI bei T2DM deutlich erhöht. Den Komorbiditäten der HI kommt eine immense Bedeutung zu, insbesondere Krebs, Depressionen und Demenzerkrankungen. Diese werden wie die cv Risikofaktoren Leitlinien gerecht behandelt.

Eine Hypertonie, eine Fettstoffwechselstörung, Übergewicht/Adipositas, Nikotinkonsum und ein Diabetes müssen im frühen Erwachsenenalter erstmals ausgeschlossen werden; ggf. Einleitung von Präventions-Massnahmen.

Ein konsequentes cv-Screening würde in der Schweiz Tausende von unentdeckten Risiken und beginnende Erkrankun­gen, einen T2DM und eine CKD, frühzeitig aufdecken und die jährlichen Gesundheitskosten – 6,1 Milliarden Franken, 7,7% des Gesamtbudgets im Jahr 2017 – in der cv Medizin senken (5).

Diese Forderung deckt sich mit den ESC- und WHO-PräventionsZielen und den Absichten und Anstrengungen in unserem nördlichen Nachbarland. Wäre es nicht auch in der Schweiz an der Zeit, ein nationales strukturiertes cv Präventionsprogramm mit den beteiligten Fachgesellschaften und der Politik zu diskutieren? Die Gesundheit muss frühzeitig, über die gesamte Lebensspanne hinweg, weiter verbessert werden.

Wir wünschen Ihnen besinnliche Festtage und ein gesundes, erfülltes, freudiges und glückliches 2024 mit weiterhin viel Freude an der kardiovaskulären Medizin.

Dr. Urs Dürst, Forch

Dr. med. Urs N. Dürst

Zelglistrasse 17
8127 Forch

u.n.duerst@ggaweb.ch

  1. Baldus et al. Die Nationale Herz-Allianz – Update 2023, DGK; Kardiologie 2023;17:65-71 + H. Thiele, DGK -Herztage in Bonn, 5.-7.10.2023
  2. Nachrichten, Lauterbach will Herz-Kreislauferkrankungen + Diabetes aktiv aufspüren, Ärztezeitung vom 30.10.2023, Springer Medizin
  3. Marx N. et al., 2023 ESC Guidelines for the management of cardiovascular disease in patients with diabetes, European Heart Journal 2023; 00,1–98, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehad192
  4. Visseren F.L.J et al. ; ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice; European Heart Journal 2021; 42 (34): 3227-3337
  5. Stucki et al., What drives health care spending in Switzerland? Findings from a decomposition by disease, health service, sex, and age, BMC Health Services Research 2023; 23:1149

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  • Vol. 13
  • Ausgabe 6
  • Dezember 2023