Editorial

Die Geschichte vom Gesundheitswald mit zu ­vielen Bäumen



Zum Jahreswechsel kehrt in der Regel etwas Ruhe im klinischen Alltag ein und wie manch anderer stellte ich mir mal wieder die simple Frage: Erstickt unser Gesundheitswesen an seiner eigenen Bürokratie und Schizophrenie? Als Hämato-Onkologe mit über 30 Jahren Berufserfahrung erlebe ich täglich den Fortschritt in zweierlei Hinsicht: Erfreuliche Verbesserungen der medizinischen Versorgung und leider eine zum Teil abstruse und irrationale Zunahme der Administration.

Nehmen wir ein Beispiel aus der täglichen Realität: Man verabreicht eine intensive Chemotherapie mit kurativer Intention und erhält prompt innerhalb weniger Tage kein Lob, sondern Rückfragen der Krankenkassen zum Einsatz von Antiemetika und Wachstumsfaktoren. In Zeiten künstlicher Intelligenz und digitaler Revolution eine absurde Situation – als könnten Computerprogramme nicht eigenständig erkennen, dass der ICD10 Code kombiniert mit einer intensiven Chemotherapie diese Begleitmedikation zwingend erfordern. Dies ist nur ein Beispiel täglicher sinnloser Bürokratie, die Zeit frisst und sicherlich keinen Mehrwert in der Behandlungskette – eigentlich unsere Kernaufgabe – schafft.

Der medizinische Fortschritt der letzten Jahrzehnte ist häufig beeindruckend und ein Segen für unsere Patientinnen und Patienten. So wandelten sich die Therapieoptionen beim Multiplen Myelom von einer simplen Chemotherapie im letzten Jahrhundert zu hochkomplexen, personalisierten Behandlungskonzepten. Wo früher Betroffene im Rollstuhl zu uns kamen, leben sie heute deutlich länger, mit häufig guter Lebensqualität. Der Preis dafür: Eine immense Kostensteigerung von wenigen hundert auf mehrere hunderttausend Franken pro Jahr.

Doch wer trägt die Verantwortung für diese Kostenexplosion? Sicher nicht die behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Es ist ein gesellschaftspolitischer Entscheid, welche Therapien zu welchem Preis wir uns leisten wollen. Besonders irritierend sind dabei willkürliche Kostensteigerungen, wie kürzlich bei der CAR-T-Zelltherapie des aggressiven Lymphoms geschehen: Politisch verordnet und ohne Rücksprache mit Fachexperten wurden mit Stichtag 1.1.2025 die Kostenunterschiede zwischen CAR-T-Zentren von ca. 6–8000 auf zum Teil > 60 000 CHF erhöht und nun deutliche Mehrkosten von > 1 Mio CHF pro Jahr dem Gesundheitssystem ohne medizinischen Mehrgewinn aufgebürdet.

Mein Fazit am Jahresende: Unser «Gesundheitswald» droht am Wildwuchs verschiedenster Individualinteressen zu ersticken und so lautet mein Neujahrsappell: Wir brauchen eine Durchforstung und eine Konzentrierung unserer Aktivitäten auf wesentliche und relevante Kernbereiche. Dies jedoch in einem offenen und ehrlichen Dialog aller Beteiligten mit der zentralen Frage: Welche Gesundheitsversorgung wollen und können wir uns als Gesellschaft leisten?

Der Weg dorthin mag utopisch erscheinen. Doch ohne diese grundsätzliche Debatte werden wir im Dickicht der Partikularinteressen verloren gehen – zum Schaden unserer Patientinnen und Patienten. Somit wünsche ich Ihnen einen guten Frühlingsanfang, genug Zeit für Ihre Patientinnen und Patienten und vielleicht erleben wir 2025 noch positive Überraschungen – die Hoffnung stirbt zuletzt.

Prof. Dr. med. Christoph Renner

Prof. Dr. med. Christoph Renner

Onkozentrum Hirslanden Zürich und Onkozentrum Zürich
Witellikerstrasse 40
8032 Zürich

Christoph.renner@hirslanden.ch

info@onco-suisse

  • Vol. 15
  • Ausgabe 1
  • März 2025