- Statine führen auch in hohem Alter in der Primärprävention zu weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Frage
Führt die Initiierung einer Statintherapie bei älteren Menschen zu weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen (1)?
Studienort
Hong Kong
Hintergrund
In vielen RCTs, die den Benefit einer Statintherapie zum Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen belegen, wurden ältere Menschen über 75 Jahren ausgeschlossen. Der Stellenwert einer Lipid-senkenden Therapie insbesondere in der Primärprävention in dieser hochbetagten Patientengruppe ist umstritten. In der Schweiz läuft eine vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderte Studie zum Absetzten von Statinen bei Hochbetagten.
Ein- und Ausschlusskriterien
Eingeschlossen wurden Statin-naive Personen über 60 Jahren mit kardiovaskulären Risikofaktoren, bei denen eine Statintherapie nach Leitlinien indiziert war. Eine präexistente manifeste Herz-Kreislauf-Erkrankung oder frühere Vorbehandlung mit jeglicher Lipidsenkender-Therapie war Ausschlusskriterium.
Methode
Retrospektive Datenbankanalyse auf der Basis landesweiter elektronischer Patientenakten. Bei insgesamt 97 462 Personen mit entsprechender Indikation wurde zwischen 2008 und 2015 eine primärprophylaktische Statintherapie initiiert. Sie wurden drei Alterskohorten zugeteilt: der Gruppe der älteren Teilnehmer (75–84 Jahre), der Hoch-Betagten (≥ 85 Jahre) und den 60–74-Jährigen als Validierungskohorte. Zur Evaluation von Nutzen und Risiken der Behandlung erfolgte ein «propensity score matching» (Bildung von «Zwillingspaaren») mit gleich vielen Personen ohne Statintherapie pro Altersgruppe bei identischem kardiovaskulärem Risiko.
Outcome
Schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse (CVDs wie Myokardinfarkt, Apoplex und Herzinsuffizienz) und Tod sowie schwerwiegende unerwünschte Ereignisse (Myopathie und Leberschäden).
Ergebnisse
Analysiert wurde der Effekt einer «Intention to treat» (ITT) mit Initiierung einer Statintherapie und einer «per protocol» (PP)- Therapie bis Studienende auf die Risikoreduktion von CVDs und Mortalität gegenüber keiner Statintherapie. Auf Basis der absoluten Risikoreduktion (ARR) in der PP-Analyse wurde die Number Needed to Treat (NNT) ermittelt. Die mittlere Beobachtungszeit betrug 5.3 Jahre.
In der Referenzgruppe (60–74 Jahre) waren die Ergebnisse übereinstimmend mit Daten aus randomisierten Studien. In der PP-Analyse wurde das 5-Jahres-Risiko für alle kardiovaskulären Ereignisse zusammen in der Statingruppe der 75–84-Jährigen um 21 % reduziert (ARR 5 %, NNT 20), bei den Hochbetagten (≥ 85 Jahre) noch effektiver mit 35 % (ARR 12.5 %, NNT 8). In der ITT-Analyse war die Risikoreduktion geringer, durchaus erwartungsgemäss bei gegenüber PP verkürzter Therapiedauer, aber ebenfalls noch statistisch signifikant mit einer 6 % relativen Risikoreduktion (ARR 1.2 %) bei den 75–84-Jährigen und ebenfalls wieder ausgeprägter bei den > 85-Jährigen mit 15 % (ARR 4.44 %). Auch in der Subgruppen-Analyse der einzelnen Erkrankungen und Gesamtmortalität ergab sich eine vergleichbar effiziente Risikoreduktion. In allen Altersgruppen zeigte sich kein signifikant erhöhtes Risiko für Myopathien oder Leberfunktionsstörungen.
Institut für Hausarztmedizin
Universitätsspital Zürich
Pestalozzistrasse 24
8091 Zürich
thomas.rosemann@usz.ch
Die Autorin und der Autor haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
• Ältere Menschen haben das höchste Risiko für kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität. Die Studie zeigt eindrucksvoll, an einer grossen Population unter Real-Life-Bedingungen, wie Hochbetagte mit kardiovaskulären Risikofaktoren von einer neu initiierten Statintherapie profitieren.
• Der Nutzen der Statine war mit steigendem Alter zunehmend, die Therapie sicher, ohne vermehrte unerwünschte Medikamenteneffekte.
• Die Studie legt nahe, dass Patienten rein aufgrund ihres Alters und Angst vor Nebenwirkungen eine indizierte Statintherapie nicht vorenthalten werden sollte. Der Therapieentscheid sollte vielmehr individuell unter Berücksichtigung der Komorbiditäten und Lebenserwartung und vom Patientenwunsch erfolgen.
• Die Ergebnisse passen zu aktuellen Arbeiten, die einen Benefit durch Statine sogar bei hochbetagten (medianes alter 82,9 Jahre) Pflegeheimbewohnern zeigten (2).
1. Xu W, Lee AL, Lam CLK, Danaei G, Wan EYF. Benefits and Risks Associated With Statin Therapy for Primary Prevention in Old and Very Old Adults : Real-World Evidence From a Target Trial Emulation Study. Ann Intern Med. 2024 Jun;177(6):701-710. doi: 10.7326/M24-0004. Epub 2024 May 28. Erratum in: Ann Intern Med. 2024 Aug;177(8):1144. doi: 10.7326/ANNALS-24-01062. PMID: 38801776.
2. O’Sullivan JL, Kohl R, Lech S, Romanescu L, Schuster J, Kuhlmey A, Gellert P, Yasar S. Statin Use and All-Cause Mortality in Nursing Home Residents With and Without Dementia: A Retrospective Cohort Study Using Claims Data. Neurology. 2024 Mar 26;102(6):e209189. doi: 10.1212/WNL.0000000000209189. Epub 2024 Feb 27. PMID: 38412394.
PRAXIS
- Vol. 114
- Ausgabe 3
- März 2025